Bauzinsen auf dem höchsten Stand seit 2009: Warum Kapitalanleger anders rechnen sollten

Bauzinsen auf dem höchsten Stand seit 2009 – was das für Kapitalanleger bedeutet
Zehnjährige Immobilienkredite kosten im Schnitt 4,42 Prozent. Diesen Wert hat der Finanzierungsvermittler Interhyp am 1
5. Oktober 2026 gemessen. So teuer war Baugeld zuletzt 2009. Vor einem Jahr lag der Durchschnittszins noch bei rund 3,6 Prozent, im Mai 2026 bei 3,9 Prozent.
Viele Kaufinteressenten ziehen daraus einen naheliegenden Schluss: abwarten, bis die Zinsen wieder fallen. Für Eigennutzer kann das im Einzelfall vernünftig sein. Für Kapitalanleger greift diese Logik zu kurz. Bei ihnen wirkt der Zins anders, steuerlich wie wirtschaftlich. Und gerade in Phasen höherer Zinsen entstehen am Markt Spielräume, die es bei niedrigen Zinsen so nicht gibt. Dieser Beitrag zeigt, woraus sich Bauzinsen zusammensetzen, wohin sie sich bewegen dürften und weshalb das aktuelle Zinsniveau für Kapitalanleger eher ein Kalkulationsfaktor als ein Hindernis ist.
Wie sich Bauzinsen zusammensetzen
Der Bauzins entsteht nicht in der Zentralbank, sondern am Kapitalmarkt. Eine Bank, die ein Darlehen mit zehn Jahren Zinsbindung vergibt, muss sich das Geld für denselben Zeitraum beschaffen. Das tut sie überwiegend über Pfandbriefe. Was sie dafür an Investoren zahlt, ist die Untergrenze des Bauzinses. Darauf kommt ihr Aufschlag.
Der Stand Mitte Oktober 2026: Zehnjährige Bundesanleihen rentierten am 7. Oktober bei rund 3,55 Prozent, nach einem Hoch von 3,69 Prozent Ende September. Zehnjährige Pfandbriefe lagen am 15. Oktober bei 3,96 Prozent. Der EZB-Einlagensatz beträgt seit dem 16. September 2,50 Prozent. Zusammen mit der individuellen Marge der Bank ergibt sich daraus ein durchschnittlicher Bauzins von 4,42 Prozent für zehn Jahre Zinsbindung.
Siehe Grafik 1: So setzt sich der Bauzins zusammen.
Pfandbriefe sind der direkte Taktgeber. Sie sind mit Immobilienkrediten besichert und gelten als sehr sicher. Ihre Rendite liegt deshalb nur knapp über der von Bundesanleihen. Seit Jahresbeginn ist die zehnjährige Pfandbriefrendite laut Institut der deutschen Wirtschaft um knapp 0,7 Prozentpunkte gestiegen.
Bundesanleihen sind der Maßstab für den gesamten Markt. Steigt ihre Rendite, ziehen Pfandbriefe und damit Bauzinsen nach. Treiber sind derzeit höhere Inflationserwartungen, ausgelöst vor allem durch Energiepreise, und der hohe Finanzierungsbedarf des Bundes für Infrastruktur und Verteidigung.
Der EZB-Leitzins wirkt vor allem auf kurze Laufzeiten und variable Kredite. Auf zehnjährige Zinsbindungen wirkt er indirekt: über die Erwartung, wie sich Inflation und Geldpolitik in den kommenden Jahren entwickeln. Die EZB hat ihre Leitzinsen 2026 zweimal um je 0,25 Prozentpunkte angehoben, im Juni und im September.
Die Marge ist der Teil, den Sie selbst beeinflussen. Eigenkapitalanteil, Bonität und die Wahl der Zinsbindung entscheiden über mehrere Zehntelprozentpunkte. Der Abstand zwischen Durchschnittszins und Spitzenkondition lag Mitte Oktober bei rund 0,3 Prozentpunkten.
Ausblick: eher höher als niedriger?
Kurzfristig ist keine Wende zu erwarten. 80 Prozent der von Interhyp befragten Banken rechnen für die nächsten ein bis zwei Monate mit gleichbleibenden Zinsen. Für die EZB-Sitzung am 29. Oktober erwartet der Markt überwiegend eine Pause.
Mittelfristig sprechen mehrere Faktoren eher für ein höheres als für ein niedrigeres Zinsniveau:
• Inflation: Die Verbraucherpreise in Deutschland stiegen im September um 3,3 Prozent, nach 2,9 Prozent im August. Energie verteuerte sich um 14,9 Prozent.
• Geldpolitik: Die EZB hat in diesem Jahr bereits zweimal erhöht. Bleibt die Inflation über dem Ziel von 2 Prozent, sind weitere Schritte möglich.
• Staatsfinanzen: Der Bund nimmt für Infrastruktur und Verteidigung in großem Umfang neue Kredite auf. Mehr Angebot an Anleihen bedeutet tendenziell höhere Renditen.
Der Gegenpol wäre eine dauerhafte Entspannung im Nahen Osten. Sie würde laut Interhyp-Vorstand Jörg Utecht den Inflationsdruck dämpfen und die Bauzinsen sinken lassen. Dafür gibt es derzeit kaum Anzeichen.
Meine Einschätzung nach über 15 Jahren am Markt: Eine Rückkehr zu Bauzinsen von 1 bis 2 Prozent, wie wir sie bis 2021 kannten, ist nicht in Sicht. Wer auf diese Zeit wartet, wartet auf eine Ausnahme, nicht auf den Normalfall.
Derselbe Zins, zwei verschiedene Rechnungen
Ich formuliere es gern so: Der Zins ist des Kapitalanlegers Freund und des Eigenheimers teurer Begleiter. Der Grund liegt im Steuerrecht.
Wer selbst einzieht, zahlt seine Zinsen aus bereits versteuertem Einkommen. Absetzbar ist davon nichts. Wer vermietet, kann die Schuldzinsen als Werbungskosten bei den Einkünften aus Vermietung und Verpachtung geltend machen. Ein erheblicher Teil der Zinslast wird damit über die Steuer ausgeglichen. Je höher das Einkommen, desto größer dieser Effekt.
Ein vereinfachtes Beispiel mit 300.000 Euro Darlehen zu 4,42 Prozent und einem persönlichen Grenzsteuersatz von 42 Prozent:
Im ersten Jahr fallen in beiden Fällen 13.260 Euro Zinsen an. Der Eigennutzer trägt diesen Betrag vollständig. Um ihn aus versteuertem Einkommen zahlen zu können, muss er bei 42 Prozent Grenzsteuersatz rund 22.860 Euro brutto verdienen.
Der Kapitalanleger setzt dieselben Zinsen als Werbungskosten ab und spart dadurch 5.569 Euro Steuern. Seine tatsächliche Zinsbelastung sinkt auf 7.691 Euro. Der effektive Zinssatz nach Steuer liegt damit bei rund 2,56 Prozent statt 4,42 Prozent.
siehe Grafik 2: Derselbe Zins, zwei Rechnungen
Ohne Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer, die den Effekt bei vielen Anlegern noch erhöhen. Die Tilgung im Laufe des Jahres ist nicht berücksichtigt.
Zwei weitere Punkte verstärken den Unterschied:
• Die Miete trägt mit. Beim Kapitalanleger steht dem Zins eine Einnahme gegenüber. Und diese steigt gerade jetzt: Die Angebotsmieten lagen im dritten Quartal 2026 laut IW-Wohnindex 4,5 Prozent über dem Vorjahr. Höhere Zinsen halten viele Haushalte vom Kauf ab und verstärken so die Nachfrage nach Mietwohnungen.
• Abschreibungen kommen hinzu. Für Neubauten gilt die degressive AfA von 5 Prozent, unter bestimmten Voraussetzungen zusätzlich die Sonder-AfA nach § 7b EStG. Bei Baudenkmalen können die Sanierungskosten nach § 7i EStG erhöht abgesetzt werden. Diese Absetzungen stehen dem vermietenden Eigentümer zu, nicht dem Eigennutzer eines Neubaus.
Für den Eigennutzer ist ein höherer Zins deshalb vor allem eine höhere Monatsrate. Für den Kapitalanleger ist er ein Kalkulationsfaktor unter mehreren, der steuerlich abgefedert wird und dem steigende Mieten gegenüberstehen.
Warum hohe Zinsen Kaufchancen schaffen
Zins und Kaufpreis bewegen sich am Immobilienmarkt selten in dieselbe Richtung. Das zeigen die letzten Jahre deutlich: Mit dem Zinsanstieg ab 2022 sind die Kaufpreise gefallen. Laut IW-Wohnindex liegen sie heute gut 10 Prozent unter dem Höchststand von 2022 und bewegen sich seit 2023 seitwärts. In den sieben größten Städten gaben die Preise für Eigentumswohnungen zuletzt sogar um 0,8 Prozent nach.
Der Grund liegt in der Kalkulation der Projektentwickler. Ein Bauträger rechnet bei Projektstart das Gesamtpaket: Grundstück, Baukosten, eigene Finanzierung, Vertriebsdauer und Verkaufspreis. Steigen die Zinsen, wird seine eigene Zwischenfinanzierung teurer und jeder Monat längerer Vertriebszeit kostet Geld. Gleichzeitig wissen Entwickler, dass ihre Käufer mit höheren Raten rechnen. Beides fließt in die Preisgestaltung ein, beim Kaufpreis oder entsprechender Vertriebskonzeption.
Sinken die Zinsen wieder, kehrt sich das um. Mehr Käufer können finanzieren, die Nachfrage steigt und die Preise ziehen an.
Was an Zinsen gespart wird, geht dann häufig über den höheren Kaufpreis wieder verloren. Diesen Mechanismus habe ich in über 15 Jahren mehrfach beobachtet.
Daraus ergibt sich ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Größen:
• Der Kaufpreis ist endgültig. Er wird einmal vereinbart und bestimmt Ihre Rendite über die gesamte Haltedauer.
• Der Zins ist veränderbar. Nach Ablauf der Zinsbindung wird neu finanziert. Bei längeren Bindungen besteht nach zehn Jahren ohnehin ein gesetzliches Kündigungsrecht (§ 489 BGB). Sinken die Zinsen später, profitieren Sie davon bei der Anschlussfinanzierung, zum heute günstigeren Kaufpreis.
Wer in einer Hochzinsphase kauft, sichert sich den Preis und lässt sich die Option auf niedrigere Zinsen offen. Wer auf niedrigere Zinsen wartet, kauft am Ende häufig teurer und hat diese Option nicht mehr.
Warten ist keine Strategie
Den idealen Zeitpunkt erkennt man immer erst im Rückblick. Bei niedrigen Zinsen sind die Preise hoch, bei hohen Zinsen sind sie verhandelbar. Einen Moment, in dem beides günstig ist, gibt es am Markt nur selten und nie mit Ansage. Für Kapitalanleger mit hohem Einkommen gilt zudem: Der Zins wird zu einem erheblichen Teil steuerlich getragen, die Miete steigt, und der heute vereinbarte Kaufpreis bleibt.
Entscheidend ist deshalb nicht die Frage, ob der Zins gerade hoch oder niedrig ist. Entscheidend ist, ob die Gesamtrechnung aus Kaufpreis, Lage, Miete, Finanzierung und Steuerwirkung für Sie aufgeht. Diese Rechnung lässt sich in jeder Zinsphase sauber aufstellen.
So gehen Sie sinnvoll vor:
1. Eigene Ausgangslage klären: Einkommen, Grenzsteuersatz, verfügbares Eigenkapital und Anlagehorizont.
2. Finanzierung strukturieren: Zinsbindung, Tilgung und Eigenkapitaleinsatz auf Ihre Steuersituation abstimmen.
3. Objekt nach Substanz wählen: Lage, KfW-Förderungen und Steuerersparnis prüfen, nicht nur den Kaufpreis und Zinsen.
4. Mit Zahlen entscheiden: Eine Berechnung nach Steuern zeigt, was eine Immobilie Sie monatlich tatsächlich kostet.
Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine Steuer- oder Rechtsberatung. Die steuerliche Wirkung hängt von Ihrer persönlichen Situation ab und sollte mit Ihrem Steuerberater abgestimmt werden. Marktdaten Stand Oktober 2026.



































