Ein Jahr Kanzler Merz
Mai 2025 bis Mai 2026 – warum die Bilanz des Bundeskanzlers hinter den eigenen Ansprüchen zurückbleibt

Ein Jahr Merz: Zwischen hohen Erwartungen und ernüchternder Realität
Mai 2025 bis Mai 2026 – warum die Bilanz des Bundeskanzlers hinter den eigenen Ansprüchen zurückbleibt
Als Friedrich Merz im Frühjahr 2025 ins Kanzleramt einzog, waren die Erwartungen enorm. Nach Jahren wirtschaftlicher Stagnation, wachsender Unsicherheit in der Migrationspolitik und einer zunehmenden Unzufriedenheit mit der Ampel-Regierung präsentierte sich Merz als Kandidat des Aufbruchs.
Er versprach eine wirtschaftspolitische Wende, eine konsequentere Migrationspolitik, mehr Ordnung im Staat und eine Rückkehr zu politischer Verlässlichkeit. Ein Jahr später fällt die Bilanz deutlich nüchterner aus.
Nicht, weil die Herausforderungen kleiner geworden wären – sondern weil Anspruch und Realität zunehmend auseinanderlaufen.
Ein historisch schwieriger Start
Bereits der Beginn seiner Kanzlerschaft verlief ungewöhnlich.
Am 6. Mai 2025 verfehlte Friedrich Merz im ersten Wahlgang die erforderliche Kanzlermehrheit, obwohl die künftige Regierungskoalition rechnerisch über ausreichend Stimmen verfügte.
Dieser Vorgang war in der Geschichte der Bundesrepublik beispiellos und wurde von vielen Beobachtern als frühes Warnsignal für die Stabilität der neuen Koalition gewertet.
Ein Kanzler, der mit dem Anspruch antritt, Deutschland neu auszurichten, muss zunächst die eigene Mehrheit organisieren können. Bereits hier zeigten sich erste Zweifel.
Die Glaubwürdigkeitsfrage
Die Schuldenbremse
Kaum ein Thema prägte den Wahlkampf von Friedrich Merz so stark wie die Verteidigung der Schuldenbremse.
Über Jahre hinweg kritisierte die Union zusätzliche Verschuldung und stellte solide Staatsfinanzen in den Mittelpunkt ihrer Argumentation.
Nach Regierungsübernahme unterstützte die neue Bundesregierung jedoch umfangreiche kreditfinanzierte Programme und Sondervermögen.
Befürworter argumentieren, dass Deutschland angesichts geopolitischer Risiken, Investitionsstaus und wirtschaftlicher Herausforderungen zusätzliche Investitionen benötigt.
Kritiker sehen darin einen deutlichen Bruch mit den zentralen Wahlkampfversprechen der Union.
Unabhängig von der Bewertung bleibt festzuhalten:
Die Differenz zwischen Wahlkampfrhetorik und Regierungshandeln hat das Vertrauen vieler Wähler belastet.
Die Migrationspolitik
Auch in der Migrationspolitik wurden hohe Erwartungen geweckt.
Friedrich Merz hatte im Wahlkampf angekündigt, die Kontrolle der deutschen Grenzen deutlich zu verschärfen und illegale Migration konsequenter zu begrenzen.
In der Regierungsrealität zeigte sich jedoch schnell, dass nationale Maßnahmen rechtliche, europäische und diplomatische Grenzen haben. Die Folge war ein Kurs, der deutlich pragmatischer ausfiel als viele Unterstützer erwartet hatten.
Für politische Gegner war dies ein Beleg dafür, dass die Versprechen unrealistisch waren.
Für viele Wähler entstand vor allem der Eindruck, dass die Umsetzung hinter den Ankündigungen zurückblieb.
Das Muster der Kanzlerschaft
Hohe Erwartungen, begrenzte Ergebnisse
Der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke bezeichnete Merz früh als einen Kanzler, der Erwartungen häufig höher ansetzt als die späteren Ergebnisse.
Tatsächlich zieht sich dieses Muster durch viele politische Felder.
Ob Wirtschaftsreformen, Bürokratieabbau, Bürgergeld-Reform oder Migrationspolitik:
Die öffentliche Kommunikation war oft ambitionierter als die letztlich erreichten Ergebnisse.
Das bedeutet nicht, dass keine Reformen stattgefunden hätten.
Es bedeutet jedoch, dass viele der angekündigten Veränderungen deutlich kleiner ausfielen als ursprünglich angekündigt.
Genau daraus entsteht das zentrale Problem der Kanzlerschaft:
Nicht unbedingt die Ergebnisse selbst, sondern die Lücke zwischen Anspruch und Realität.
Außenpolitik: Mehr Präsenz, begrenzte Wirkung
Selbst politische Gegner räumen ein, dass Friedrich Merz international sichtbarer auftritt als sein Vorgänger.
Deutschland wirkt auf europäischer Ebene präsenter und aktiver.
Die entscheidende Frage lautet jedoch: Führt größere Sichtbarkeit automatisch zu größerem Einfluss?
Bei mehreren europäischen Verhandlungen zeigte sich, dass nationale Interessen, unterschiedliche Positionen innerhalb der EU und internationale Machtverhältnisse den Handlungsspielraum Deutschlands begrenzen.
Außenpolitische Präsenz ist wichtig. Sie ersetzt jedoch keine politischen Ergebnisse. Genau hier fällt die Bewertung der bisherigen Amtszeit unterschiedlich aus.
Die Stimmung im Land
Besonders problematisch für die Bundesregierung sind die Umfragewerte.
Die Zufriedenheit mit der Regierungsarbeit erreichte im Frühjahr 2026 historische Tiefstände. Gleichzeitig verloren CDU und CSU in zahlreichen Umfragen deutlich an Zustimmung. Während Friedrich Merz mit dem Anspruch angetreten war, politische Ränder zurückzudrängen und verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, konnte die Bundesregierung diesen Trend bislang nicht umkehren. Für viele Bürger ist deshalb weniger entscheidend, welche Reformen angekündigt wurden. Entscheidend ist, ob sie im Alltag tatsächlich spürbare Verbesserungen wahrnehmen. Genau hier zeigt sich bislang eine große Diskrepanz.
Das eigentliche Problem: Glaubwürdigkeit
Politische Führung lebt von Vertrauen.
Wähler akzeptieren schwierige Entscheidungen häufig dann, wenn sie als nachvollziehbar und konsistent wahrgenommen werden.
Problematisch wird es, wenn zwischen Ankündigung und Umsetzung eine zu große Lücke entsteht.
Genau dieser Vorwurf begleitet Friedrich Merz inzwischen regelmäßig.
Viele Unterstützer kritisieren nicht einzelne politische Entscheidungen.
Sie kritisieren vielmehr, dass zentrale Wahlkampfversprechen in der Regierungsrealität deutlich abgeschwächt wurden.
Damit wird Glaubwürdigkeit zur wichtigsten politischen Baustelle seiner Kanzlerschaft.
Die Bilanz nach einem Jahr
Die Bilanz fällt weder so katastrophal aus, wie politische Gegner behaupten, noch so erfolgreich, wie es die Bundesregierung gerne darstellen würde.
Positiv festhalten kann man:
- höhere internationale Präsenz Deutschlands,
- erste wirtschafts- und sicherheitspolitische Initiativen,
- eine grundsätzlich handlungsfähige Regierungskoalition.
Demgegenüber stehen:
- historisch schwache Zustimmungswerte,
- erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit zentraler Wahlversprechen,
- zunehmende Kritik aus Teilen der eigenen politischen Basis,
- und ein wachsender Vertrauensverlust bei vielen Wählern.
Fazit
Friedrich Merz trat mit dem Anspruch an, Deutschland wirtschaftlich und politisch neu auszurichten.
Ein Jahr später steht weniger die Frage nach seinen Zielen im Mittelpunkt als die Frage nach seiner politischen Glaubwürdigkeit.
Die zentrale Herausforderung der kommenden Jahre besteht nicht darin, weitere Ankündigungen zu machen.
Die zentrale Herausforderung besteht darin, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.
Denn politische Führung wird am Ende nicht an Versprechen gemessen – sondern an Ergebnissen.
Und genau hier bleibt die Bilanz des ersten Jahres deutlich hinter den Erwartungen zurück.
Hinweis: Dieser Beitrag stellt einen Meinungs- und Analyseartikel dar. Er enthält Einschätzungen und Bewertungen des Autors auf Grundlage öffentlich verfügbarer Informationen und erhebt keinen Anspruch auf politische Neutralität oder Vollständigkeit.
































