Wie die USA 2025 den nächsten Inflationszyklus einleiten – Zölle, geopolitische Verwerfungen und der Iran als unterschätztes Pulverfass

Wie die USA den nächsten Inflationszyklus einleiten
– Zölle, geopolitische Verwerfungen und der Iran als unterschätztes Pulverfass
Analyse von Holger H. Hohlfeld - September 2025
Die globalen wirtschaftlichen Entwicklungen deuten darauf hin, dass die USA 2025 den nächsten Inflationszyklus einläuten.
Ein entscheidender Faktor sind die von der Trump-Administration bereits eingeführten und weiter eskalierenden Zölle, die den Handel belasten und Preisdruck erzeugen. Gleichzeitig reagiert die Europäische Zentralbank mit einer Zinspause auf dem zuletzt erreichten Niveau – doch die eigentliche Brisanz liegt woanders. Es zeichnet sich ab, dass der nächste große Inflationsimpuls nicht aus Washington kommt, sondern aus einer Region, die die Märkte seit Jahren systematisch unterschätzen: dem Persischen Golf.
USA: Zölle als erster Dominostein
Im Zuge der politischen Agenda, die heimische Wirtschaft abzuschirmen, hat die Trump-Administration neue Importzölle auf Waren aus den wichtigsten Handelspartnern eingeführt. Diese Maßnahmen entfalten mehrere Wirkungen:
Steigende Importkosten: Zölle verteuern importierte Waren unmittelbar. Besonders betroffen sind Branchen wie Elektronik, Automobilbau und Textilien – Güter, die tief in den Konsumkörben europäischer Haushalte verankert sind.
Verlagerung der Produktion: Die strukturelle Umstellung auf heimische Fertigung benötigt Zeit. Kurzfristig entstehen Engpässe und Kostensteigerungen, die direkt auf Verbraucherpreise durchschlagen.
Vergeltungsmaßnahmen: Die EU und andere Handelspartner antworten mit Gegenzöllen. Der globale Handel wird teurer, langsamer und weniger effizient – ein strukturell inflationäres Umfeld.
Für sich genommen wäre diese Entwicklung schon bedeutsam genug. Doch die Zölle sind nicht die eigentliche Gefahr. Sie sind der Anlauf.
EZB: Zwischen Konjunkturschutz und Inflationsrisiko
Die EZB hat in acht Zinsschritten bis Juni 2025 den Einlagezins auf 2,0 Prozent gesenkt – eine Halbierung des Zinsniveaus seit der letzten Straffungsphase. Damit ist sie nahe am neutralen Niveau angekommen und hat eine Zinspause eingelegt.
Meine Erwartung aus dem Frühherbst 2025, dass die EZB den Leitzins auf unter 2 Prozent senken würde, hat sich nicht vollständig bewahrheitet – aber der Kurs war richtig erkannt. Im Juli 2025 beschloss die EZB, Leitzinsänderungen vorerst zu pausieren, und beobachtete zunächst die wirtschaftliche Lage sowie die Auswirkungen der US-Zollpolitik. Das ist geldpolitischer Pragmatismus – aber er birgt eine strukturelle Falle.
Denn eine EZB, die im Wartemodus operiert, ist eine EZB, die auf exogene Schocks zu langsam reagieren wird. Und genau dieser Schock steht bevor.
Das unterschätzte Pulverfass: Iran und der Persische Golf
Was die Finanzmärkte im September 2025 noch weitgehend einpreisen als „beherrschbares Risiko", zeigt in Wahrheit alle Merkmale einer klassischen Eskalationsspirale: Die USA unter Trump betreiben maximalen Druck auf Teheran. Die Atomverhandlungen sind gescheitert. Israel operiert militärisch in der Region mit stillschweigender amerikanischer Billigung. Iran antwortet mit Proxykräften – und testet, wann die rote Linie überschritten wird.
Ich halte es für hochwahrscheinlich, dass es in den kommenden Quartalen zu einer direkten militärischen Konfrontation zwischen den USA bzw. Israel und dem Iran kommen wird. Die Frage ist nicht ob, sondern wann – und welche wirtschaftlichen Verwerfungen folgen.
Die Straße von Hormus: Das enge Nadelöhr der Weltwirtschaft
Rund 20 Prozent des globalen Ölhandels und etwa ein Drittel des weltweiten LNG-Handels passieren täglich diese 55 Kilometer breite Meerenge zwischen Iran und Oman. Eine militärische Eskalation, die den Iran zur Sperrung oder auch nur zur glaubhaften Drohung der Sperrung dieser Route bewegt, würde innerhalb von Stunden globale Ölpreisschocks auslösen – nicht in Wochen, nicht in Monaten: in Stunden.
Das Szenario ist nicht hypothetisch. Es ist historisch mehrfach vorgezeichnet – beim ersten Golfkrieg, beim Tankerkrieg der 1980er Jahre, beim irakischen Einmarsch in Kuwait. Wer die Geschichte kennt, weiß: die Märkte reagieren nicht auf physische Engpässe. Sie reagieren auf die Unsicherheit über zukünftige Verfügbarkeit. Die Risikoprämie wird sofort eingepreist.
Ein Ölpreis von 100, 120 oder gar 150 Dollar je Barrel ist in diesem Szenario nicht das Worst-Case-Szenario. Es ist das Basisszenario einer mittleren Eskalationsstufe.
Sekundäreffekte: LNG, Düngemittel, Chips
Über Öl und Gas hinaus würde ein Golfkonflikt weitere kritische Lieferketten erfassen. Die Golfstaaten exportieren in großem Stil Düngemittel – ein Preisanstieg dort trifft Nahrungsmittelpreise weltweit. Katar liefert rund ein Drittel des globalen Heliums, das in der Halbleiterproduktion unverzichtbar ist. Eine Unterbrechung dieser Lieferketten würde den ohnehin angespannten Chipmarkt erneut in die Krise treiben.
Was das für die EZB bedeutet – und warum es diesmal anders ist
Die EZB steht vor einem Dilemma, das sie 2022 schon einmal erleben musste: steigender Inflationsdruck durch exogene Angebotsschocks, gleichzeitig schwächelnde Konjunktur. Das klassische Stagflationsszenario.
Die EZB-Entscheidungsträger haben bereits anerkannt, dass ein Krieg im Nahen Osten die Aussichten erheblich unsicherer machen würde – mit Aufwärtsrisiken für die Inflation und Abwärtsrisiken für das Wachstum.
Und genau das ist das Kernproblem: Eine Zentralbank, die auf Preisstabilität ausgerichtet ist, kann bei einem Angebotsschock nicht einfach die Zinsen senken, um die Konjunktur zu stützen – sie riskiert damit, die Inflation vollständig aus dem Ruder laufen zu lassen. Sie kann aber auch nicht aggressiv erhöhen, ohne eine bereits geschwächte europäische Wirtschaft in die Rezession zu treiben.
Die EZB wird – das ist meine Prognose für die kommenden Quartale – in einem politisch und ökonomisch äußerst unbequemen Wartemodus verharren. Genau dieser Wartemodus ist für Kapitalanleger die entscheidende strategische Information.
Auswirkungen auf Immobilien und Realwerte
Die Kombination aus US-Zöllen, einer reaktiven EZB und dem geopolitischen Risikopotenzial am Persischen Golf erzeugt ein Umfeld, das für Realwerte strukturell vorteilhaft ist – mit wichtigen Nuancierungen:
Immobilien als Inflationsschutz: In Zeiten steigender Inflation gewinnen Immobilien als Sachwert an Attraktivität. Insbesondere Objekte in Wachstumsregionen mit stabilen Mieterträgen werden nachgefragt. Energieeffiziente Neubauten – KfW-40-Standard und aufwärts – profitieren doppelt: als Inflationsschutz und als Schutz vor steigenden Energiekosten.
Verknappung des Angebots durch Baukosten:
Zölle auf Stahl, Aluminium und Baumaterialien sowie steigende Energiepreise verteuern Neubauprojekte erheblich. Das Angebot wächst langsamer als die Nachfrage – ein klassischer Preistreiber auf der Angebotsseite.
Steigende Bauzinsen als Bremse: Die Bauzinsen liegen aktuell – je nach Laufzeit und Beleihung – bei etwa 3,8 bis 4,3 Prozent pro Jahr, mit steigender Tendenz seit Beginn des Konflikts im Nahen Osten. Wer heute finanziert, tut dies zu Konditionen, die sich unter dem Szenario eines anhaltenden Geopolitikschocks weiter verschlechtern können. Das begünstigt Eigenkapitalstarke und benachteiligt fremdfinanzierte Investoren.
Mietanpassungen als Ertragsanker: Steigende Lebenshaltungskosten führen mittelfristig zu höheren Mieten. Mietverträge mit Inflationsanpassungsklauseln sind daher kein nettes Add-on, sondern ein strategisches Instrument zum Kapitalerhalt.
Strategische Schlussfolgerungen für Immobilieninvestoren
Energieeffizienz ist kein ESG-Bonus, sondern Risikomanagement. In einem Umfeld, in dem Energiepreise strukturell unter Aufwärtsdruck stehen, sind Objekte mit hohem Energieverbrauch Haftungsrisiken, keine Renditequellen.
Wachstumsregionen mit demographischer Substanz: Regionen mit nachhaltigem Zuzug – Metropolregionen wie München, Nürnberg, Potsdam aber auch prosperierendes Umland – bieten strukturellen Inflationsschutz durch Nachfragekontinuität.
Eigenkapitalquote erhöhen, Refinanzierungsrisiken minimieren: In einem Zinsszenario, das nach oben offen ist, ist konservative Finanzierung keine Renditebremse. Sie ist Überlebensstrategie.
Langfristige Mietverträge mit Indexklauseln sichern:
Das ist die direkteste Form, Kaufkraftverlust auf der Einnahmenseite abzufedern.
Realwerte in unsicheren Zeiten – ein Fazit mit unbequemer Prognose
Die US-Zölle sind der sichtbare Teil des Inflationszyklus 2025/2026. Die EZB-Geldpolitik ist der strukturelle Verstärker. Doch der eigentliche Katalysator, den die meisten Marktteilnehmer noch nicht vollständig in ihren Szenarien abbilden, ist geopolitischer Natur.
Wenn meine Einschätzung zur Eskalation am Persischen Golf zutrifft – und die Indizien dafür häufen sich – dann erleben wir in den kommenden Quartalen einen Angebotsschock, der den von 2022 in seiner Schnelligkeit übersteigen könnte. Die Märkte werden nicht warnen. Sie werden reagieren.




















































