Ein Jahr Merz: Der Ankündigungskanzler und die Kunst des permanenten Versagens

Ein Jahr Merz: Der Ankündigungskanzler und die Kunst des permanenten Versagens
Mai 2025 – 365 Tage, die Deutschland verändern sollten. Stattdessen: ein Lehrstück in politischer Selbstdemontage.
Der historisch blamable Einstieg
Am 6. Mai 2025 erreichte Friedrich Merz im ersten Wahlgang mit 310 Ja-Stimmen nicht die erforderliche Kanzlermehrheit von 316 Stimmen – obwohl CDU, CSU und SPD zusammen über 328 Stimmen verfügten. Das war kein Ausrutscher. Das war ein Omen. 18 Mitglieder seiner eigenen künftigen Regierungskoalition hatten ihm die Unterstützung verweigert. Ein Mann, der als Retter der Nation antrat, scheitert an seiner eigenen Mannschaft, bevor er auch nur einen einzigen Tag im Amt war. „Diese Regierung ist handwerklich gescheitert, bevor sie überhaupt begonnen hat", sagte die Grünen-Abgeordnete Anna Lührmann. Selten war eine Prognose schneller bestätigt worden.
Das Versprechen-Shredding: Vom Tiger zum Bettvorleger
Friedrich Merz hat im Wahlkampf zwei Kernversprechen gemacht. Er hat beide gebrochen. Innerhalb von Wochen.
Versprechen 1: Die Schuldenbremse ist heilig.
Merz hatte im Wahlkampf gebetsmühlenartig die Verteidigung der Schuldenbremse versprochen. Dann kam er der SPD mit dem, was Kritiker als „größte Schuldenorgie aller Zeiten" bezeichnen, entgegen. Das Ergebnis: Ein 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen über zwölf Jahre, durch das die Schuldenbremse faktisch ausgehebelt wird. Für den Bundeshaushalt 2026 sind Ausgaben von rund 525 Milliarden Euro geplant, mit einer Neuverschuldung von etwa 98 Milliarden Euro im Kernhaushalt.
Wer Merz dabei zuhörte, wie er in der Opposition jahrelang jede SPD-Ausgabe als Teufelswerk geißelte, und ihm jetzt beim Unterzeichnen von Rekordschulden zuschaut, erlebt politische Heuchelei in Reinform. Das Ifo-Institut stellte fest, dass das Sondervermögen für Infrastruktur massiv zweckentfremdet wird – statt in tatsächlich zusätzliche Investitionen fließt das Geld in Bereiche, die ohnehin aus dem regulären Haushalt hätten finanziert werden sollen.
Versprechen 2: Am ersten Tag seiner Amtszeit würde er alle Grenzen kontrollieren lassen.
Merz hatte wörtlich versprochen: „Ich werde im Falle meiner Wahl zum Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland am ersten Tag meiner Amtszeit das Bundesinnenministerium im Wege der Richtlinienkompetenz anweisen, die deutschen Staatsgrenzen zu allen unseren Nachbarn dauerhaft zu kontrollieren und ausnahmslos alle Versuche der illegalen Einreise zurückzuweisen." Was er dann mit der SPD vereinbarte: die Einschränkung „in Abstimmung mit unseren europäischen Nachbarn" – also faktisch nichts.
FDP-Mann Rülke brachte es auf den Punkt: „Friedrich Merz ist als Tiger gesprungen, und nicht einmal zwei Wochen nach der Wahl sind nur noch zwei Bettvorleger übrig."
Das Muster: Erwartungen maximieren, Ergebnisse minimieren
Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke zieht das Fazit: Merz sei ein „Ankündigungskanzler", der nicht einhole, was er verspreche. Er setze die Erwartungen zu hoch an und könne das Versprochene nicht einhalten.
Das zieht sich durch das gesamte Jahr wie ein roter Faden. Beim EU-Gipfel im Dezember 2025: Das Ergebnis sei gut, bleibe aber hinter den von Merz geweckten Erwartungen zurück – ein Muster, das sich durch seine bisherige Kanzlerschaft zieht. In der Ukraine-Frage: viel Getöse um Taurus, keine Lieferung und eine schicke kommunikative Lösung: Militärhilfe für die Ukraine erklärte Merz schlicht für „sicherheitsrelevant" – darüber werde „nicht öffentlich" berichtet. Problem verschwiegen ist Problem gelöst.
Beim Bürgergeld: Merz hatte Einsparungen von mehreren Milliarden Euro angekündigt. Die tatsächliche Reform lieferte jedoch nur minimale Effekte von etwa 86 Millionen Euro. Das sind 1,7 Prozent des Versprechens. Für den Rest zahlen wir weiter.
Die Internationale Bühne: Zwischen Selbstinszenierung und Realität
Außenpolitik ist der einzige Bereich, für den Merz-Verteidiger noch Punkte vergeben. Er sei in Europa präsenter als Scholz, heißt es. Stimmt. Nur: Präsenz ist kein Ergebnis.
Beim EU-Gipfel zur Ukraine-Finanzierung hatte Merz vorab laut tönen lassen: Wenn die russischen Vermögen nicht angetastet würden, gebe es keinen Plan B. Den russischen Vermögen wurde nicht angetastet. Es gab trotzdem einen Plan B. Der Kanzler kann sich den belgischen Premierminister nicht mal vorknöpfen – das ist die reale Schlagkraft der deutschen Außenpolitik unter Merz.
Und dann Trump. Das vergleichsweise gute Verhältnis zwischen US-Präsident Trump und Bundeskanzler Merz zeigt deutliche Risse. Trump bezeichnete Merz als „völlig wirkungslos" im Ukraine-Krieg und forderte ihn auf, sich um sein „kaputtes Land" zu kümmern. Von einem Mann, der selbst kein Vorbild an außenpolitischer Verlässlichkeit ist, als wirkungslos abgestempelt zu werden – das ist eine eigene Kategorie von Blamage.
Die eigene Partei gibt auf
Das Erschütterndste an diesem Jahr ist nicht, dass die Opposition Merz kritisiert. Das ist ihr Job. Das Erschütterndste ist, was aus den eigenen Reihen kommt.
Die frühere CDU-Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer setzte sich in einer Kampfabstimmung gegen den von Merz favorisierten Kandidaten durch und übernahm den Vorsitz der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. Was frühere Kanzler wie Angela Merkel oder Helmut Kohl ausgezeichnet habe: Allianzen zu organisieren. Diese Wahlschlappe wäre einer Merkel, einem Kohl, einem Adenauer nie passiert.
In Teilen der Union wächst die Kritik an der Verhandlungsführung des Kanzlers. Ihm wird vorgeworfen, sich in Gesprächen zu stark an Positionen der SPD anzupassen und innerparteiliche Abstimmungen zu vernachlässigen. In der Unionsfraktion kursieren laut Berichten zunehmend spöttische Kommentare über die politische Linie des Kanzlers.
Und der eigene Koalitionspartner? SPD-Fraktionschef Miersch sagte auf einem Parteievent, Merz sei „ein impulsiver Mensch" und: „So kann man eigentlich kein Kanzleramt führen." Das ist kein Oppositionspolitiker. Das ist der Mann, mit dem Merz jeden Morgen koalieren muss.
Der Höhepunkt: Selbstmitleid als Staatsphilosophie
Wer nach dem Destillat dieses Jahres sucht, findet es in einem Spiegel-Interview vom April 2026. Merz, der Tiger, der Macher, der Mann der klaren Worte, beklagte sich über Kritik in sozialen Medien und sagte:
„Schröder hatte mit hartem Widerstand zu kämpfen, aber er wurde nicht so angefeindet, wie ich angefeindet werde. Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen."
Adenauer führte ein zerstörtes Land durch die Nachkriegszeit und die Wiederbewaffnungsdebatte. Kohl überstand die Wiedervereinigung, die Spendenaffäre und persönliche Demütigungen aller Art. Brandt trat zurück, weil ein Spion in seinem Kabinett saß. Und Friedrich Merz leidet unter Twitter-Kommentaren.
Merz räumt im selben Interview ein: „Ob das am Ende des Tages wirklich gelingt, weiß ich heute noch nicht." Ein Kanzler, der nicht weiß, ob er Erfolg haben wird – und das ein Jahr nach Amtsantritt öffentlich zugibt. Das ist keine Bescheidenheit. Das ist eine Regierungserklärung der Ratlosigkeit.
Die Zahlen lügen nicht
Nur 15 Prozent der Deutschen sind mit der Arbeit der Bundesregierung zufrieden. 84 Prozent bewerten die Regierungsleistung negativ. Zwei Drittel der Befragten sind unzufrieden mit der von Merz angeführten Regierung. Selbst Donald Trump und Recep Tayyip Erdogan sind bei ihren Wählerinnen und Wählern beliebter als der CDU-Vorsitzende.
In der INSA-Sonntagsfrage liegt die CDU/CSU mit nur noch 24 Prozent deutlich hinter der AfD mit 28 Prozent. Die Partei, die mit dem Slogan antrat, die AfD zu halbieren, hat sie an die Spitze der Umfragen gebracht.
Nur 16 Prozent der Befragten wünschen sich, dass Merz über 2029 hinaus Kanzler bleibt. Selbst unter Unionswählern gibt es eine knappe Mehrheit, die dies nicht wünscht.
Ein Meisterwerk des politischen Selbstmords
The Spectator schrieb nach 100 Tagen: „Wir werden nicht nur Zeugen politischer Inkompetenz, sondern wohnen einer Lehrstunde bei, wie man die Demokratie für Populisten auf dem Präsentierteller anrichtet. Merz positionierte sich als Retter, der nach Jahren der Merkelschen Orientierungslosigkeit die Glaubwürdigkeit der Konservativen wiederherstellen wollte. Stattdessen hat er sich als weiterer rückgratloser Politiker entpuppt, der bereit ist, Prinzipien für die Illusion von Macht zu opfern." Ein Mann, der jahrelang in der Opposition wartet, alles besser zu wissen. Der dann die Schuldenbremse bricht, die er zur Religion erklärt hatte. Der Migrationsversprechen macht, die er am ersten Tag zurücknimmt. Der seine eigene Partei nicht zusammenhalten kann. Der bei Trump als „wirkungslos" gilt. Der beim EU-Gipfel seine eigenen Maximalforderungen kassiert. Und der dann im Spiegel klagt, dass kein Kanzler vor ihm so leiden musste.
Friedrich Merz hat in 365 Tagen vor allem eines bewiesen: Es gibt einen Unterschied zwischen dem Reden über Macht und dem Ausüben von Macht. Und er sitzt leider auf der falschen Seite dieses Unterschieds.
Die nächste Bundestagswahl ist 2029. Die Stimmung suggeriert: Sie könnte früher kommen.




















































